Leserbrief der
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vom 24.11.2003
Betrifft: Castor-Transport
| "Lieber kreativ als radioaktiv" prangt in großen Lettern auf
dem Dach der Freien Schule in Hitzacker. Schüler und Lehrer wollen nichts zu tun haben
mit dem, was unmittelbar an ihrem Schulgarten auf den Schienen vorbei rollen soll: die
zwölf mit Atommüll beladenen Castor-Behälter auf dem Weg ins Zwischenlager Gorleben. So schottet man sich lieber ab von dem Szenario, das sich auch in diesem Herbst in Reichweite der Klassenräume abspielt, indem man zwischen Gleisanlage und Schulkomplex ein weißes Tuch spannt, das die Sicht behindern hilft. Sowohl Lehrer als auch Schüler packen mit an. Auf der Schiene selbst harren zwei Dutzend Polizisten aus, Aachener und Kölner Einheiten. Während man auf der anderen Seite des weißen Tuchs mit großer Sorge dem bevorstehenden CastorTransport entgegensieht, werden hier lustigere Töne angeschlagen. Ob denn die Musikanlage, die das Schulgelände über Lautsprecher mit Songs aus den Sechzigern und Siebzigern beschallt, auch Karnevalsmusik spielen könne, feixt einer der Beamten. Schließlich ist ja auch Dienstag, der 11. 11., noch etwas hin bis 11.11 Uhr. Wer weiß, wie groß die Vorfreude jenes Polizisten sein mag, wieder zu Hause zu sein nach dem Motto: Hoffentlich geht die Sache mit dem Castor heute schnell über die Bühne. Was man als Wendländer dem einzelnen Polizisten, der hier seinen Job verrichtet, vielleicht gar nicht verübeln kann bzw. darf, macht nicht zum ersten Mal anschaulich, wie sehr im ganzen Landkreis zwei Welten aufeinander prallen. Auffallend ist jedoch, dass es verstärkt die junge wendländische Bevölkerung ist, die in diesem Kontrast eine beträchtliche Rolle einnimmt. So kauern am Dienstagabend unzählige jugendliche zwischen Stroh und Schlafsäcken auf der Straße - sei es in Grippel, Klein Gusborn oder anderswo. Gemeinsam wird gesungen, wenn es sein muss, auch lautstark gebrüllt: "Haut ab, haut ab", "Wir wohnen hier, ihr habt hier nichts zu suchen", feuert man den behelmten Beamten verbal entgegen. Als dann in Klein Gusborn eine Polizeieinheit ohne jegliche Ankündigung durch den Einsatzleiter den abrupten und wenig zimperlichen Versuch, unternimmt, eines der von einheimischen jugendlichen zusammengezimmerten hölzernen "Protesthäuschen" inmitten der Demonstrantenschar zu entfernen, droht die Lage kurz zu eskalieren. Aber bis auf Strohhalme müssen sich die Polizisten gegen keinerlei Wurfgeschosse zu Wehr setzen. Es ist in den Gesichtern der Beamten regelrecht abzulesen, dass sie es hier nicht mit Chaoten zu tun haben, sondern mit friedlichen, wenn auch sehr mutigen Menschen, die sich zum großen Teil noch im Schulalter befinden. Sebastian Bertram, Berlin |
Bearbeitet am: 24.11.2003 /ad